Aus unserer Gemeinde fährt eine kleine Gruppe zum Kirchentag nach Stuttgart. In den nächsten Tagen werden wir über Eindrücke und Ideen, Spannendes und Interessantes, Lebendiges und Aufbauendes aus diesen Tagen an dieser Stelle berichten – ein kleiner Versuch, die Möglichkeiten unserer neuen Seite auszutesten.

Die Texte dieses Berichts erzählen persönliche Eindrücke.

Tag 4: Sonntag, Abschlussgottesdienst

Einen Gottesdienst nacherzählen fällt schwer, deswegen hier nur eine Bildergallerie von dem Gottesdienst auf den Cannstatter Wasen, den 95.000 Menschen gemeinsam feierten.

Tag 3: Samstag, der letzte („Arbeits“-)Tag

Kurz gesagt: Das war – für mich – der beste Tag des Kirchentags. Auch wenn ich nicht viele Angebote besucht habe, habe ich einen großen Stapel Ideen für die Arbeit in der Gemeinde mitnehmen können – und ich habe mich wunderbar amüsiert. Eine Kombination, die jeder Gemeinde gutsteht: Inhalte mitnehmen und sich wohlfühlen.

2015-06-06 11.08.07Am Morgen besuchte ich das Musical „Best of Jesus“. Eine Gemeindegruppe mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen führten Szenen aus dem Leben Jesu auf, mit Liedern der Toten Hosen: „Es kommt die Zeit“ – als Antwort auf die Geschichte von der Kindersegnung; Jesus und Maria aus Magdala sangen gemeinsam „Bonnie & Clyde“; „Alles aus Liebe“ als Lied des Judas. Und faszinierend² daran war: es war ein Projekt für Hörende und Nichthörende, Gebärendolmetscher2015-06-06 12.17.55 begleiteten die Szenen, Gehörlose spielten und tanzten mit.

Vielleicht eine Möglichkeit für unser Ten Sing? Ein großes Projekt für das Reformationsjubiläum 2017? Mal schauen…

Der Nachmittag und der Abend standen im Zeichen von Poetry-Slam, bzw. Preacher-Slam. In den letzten Jahren entwickelte sich die deutsche Poetry-Slam-Szene zur zweitgrößten weltweit – und auch in der Kirche, vorangetrieben vom Wittenberger Zentrum für Predigtkultur, wird diese neue Vortragsform für die Predigten adaptiert.

wpid-wp-1433621416976.jpegAm Nachmittag fand ein großer Workshop statt: Nach einer kurzen Einleitung zur Geschichte und zum Sinn von Predigten mit Elementen des Poetry-Slams wurden wir selbst aktiv: Alle waren eingeladen, zu reden. Gleichzeitig, ohne Punkt und Komma, ohne Pause, fünf Minuten lang. Zwar kenne ich das Gefühl, zu reden und keiner hört mir zu, von der Kanzel ( 😉 ) – aber so aktiv und bewusst: ähnlich muss sich die babylonische Sprachverwirrung angehört haben…

Der zweite Schritt war ein einfach-mal-nur-ohne-absetzen-und-nachdenken-Schreiben. Blitzschnell füllte sich das leere Blatt mit Worten, Assoziationen, sinnvollen und -leeren Gedankenfragmenten und Sätzen. Ergebnis der Übung: „Keine Angst vor dem leeren Blatt!“ – es sollen sogar schon ganze Bücher in dieser Form verfasst worden sein.

Nach einer Übung zum Thema „Liebe ist…“ bei der man einen zufälligen Gegenstand zugeteilt bekam („Liebe ist wie ein zerfleddertes Kirchentagsprogramm: Angerissen, abgegrabbelt, längst zerschlissen, angesabbert. Egal, was es durchgemacht hat: Ohne es, weiß ich nicht, wohin!“) ging es ans Elfchen schreiben. Lesenswert war der „Battle“ zwischen Sylvia und Peter Bukowski, die beide am rheinischen Predigerseminar in Wuppertal unterrichten, bzw. in Wuppertal Pfarrer sind:

Sylvia Bukowskis Auftakt:

Mann
Im Rücken.
Kann nicht lassen
Mich blöd zu kommentieren.
Ehe

…und Peter Bukowskis Replik:

Frau
Vor mir.
Ätzend hoch drei
Will sie mich belehren
Vergebens.

Schließlich waren wir aufgefordert, einen eigenen kurzen Text zu verfassen, zu einem Zufallsthema, in einer Zufallstextform, mit einem Zufallsstilmittel. Die Ergebnisse waren von unterschiedlicher Qualität, manche unterhaltsam, manche nachdenklich, viele wirklich gut.

Am Ende des Workshops stand fest: Man kann es, Texte verfassen, Texte schreiben, Texte vortragen. Die Überwindung liegt nur in dem Moment, es wirklich zu tun und es dann vielleicht sogar vorzutragen. Was gut zu einer Grundregel des Poetry Slams passt: Die Bereitschaft des Künstlers, überhaupt aufzutreten, ist schon einen RIESIGEN Applaus wert.

2015-06-06 23.00.43Abends ging es dann mit einem Preacher Slam vor voller Kirche weiter: Gewonnen hat übrigens, natürlich, ein Rheinländer…  😉

Abgeschlossen haben wir den Abend in einem Gute-Nacht-Kaffee, mit einer guten Flasche Apfelschorle (der Kirchentag ist alkoholfrei) und zu wunderbarer Gitarrenmusik.

Tag 2: Freitag, der Tag des Feierabendmahls

Der Freitag war wieder ein bunter Tag voller unterschiedlicher Eindrücke. Los ging es mit einer Bibelarbeit von Landesbischof Cornelius-Bundschuh über die Worte des Predigers aus Qoh 3, 9-13. Statt einer Inhaltsangabe ein kurzer (unfreiwilliger) Moment der Komik. Als Landesbischof Cornelius-Bundschuh feststellte: „Alles, was bleibt, ist ein leiser Hauch“, halte es empört von der Empore: „Die Lautsprecher sind aus.“

Der nächste Programmpunkt fand in der gleichen Kirche statt: „Kirche der Zukunft – England macht es vor“ In der Church of England hat sich in den letzten Jahren eine neue Bewegung gefunden, die das langsame Schrumpfen der Amtskirche (kennen wir doch, oder?) zwar nicht aufgehalten, aber deutlich verlangsamt hat: Frische Ausdrucksformen von Kirche, Fresh Expressions of Church, oder kurz: Fresh X.
In England gründeten sich neue Kirchenprojekte, neue Formen, auf die Menschen zuzugehen, die der Amtskirche nicht den Rücken gekehrt haben, sondern so weit von ihr entfernt waren, dass man ihren Rücken nicht mal mehr sehen konnte. In Pubs, in Essensausgaben, in Musikprojekten fanden sich Menschen ein, die sich von dieser neuen Form von Kirche begeistern ließen.

wpid-wp-1433579597159.jpegDer anglikanische Bischof von Rotterham (GB) Dr. Steven Croft, der selber diesen Aufbau begleitet und angestoßen hat, stellte die mutmachende Geschichte vor: Zuerst argwöhnisch beäugt und angefeindet von der Amtskirche, dann zumindest toleriert und schließlich begrüßt und sogar in die pastorale Ausbildung aufgenommen, gründen sich in GB inzwischen neue Basisprojekte von Kirche, inzwischen so stark, dass mengenmäßig eine ganze Diözese (ungefähr eine Landeskirche) neue Gemeindeglieder gefunden wurden.
Im Anschluss wurden deutsche Versuche vorgestellt, dieses Projekt von „loyalen Radikalen“ auch im deutschen landesskirchlichen System einzubauen: Menschen, die neue Wege suchen, sich aber weiterhin der Ortsgemeinde/Landeskirche verbunden fühlen: ein Nagelstudio, ein Pfarrer auf einem Drachenfestival, ein Stadtteilprojekt, ein Creative Kirche-Projekt aus Witten.
Und schließlich berichtete ein Kirchenjurist, Dr. Conring, ein Jurist der westfälischen Landeskirche, von den Stolpersteinen, die das deutsche Kirchenrecht in den Weg legt – zeigte aber auch zugleich, dass diese Steine aus dem Weg geräumt werden können. Ein westfälischer Pfarrer, der die Creative Kirche aufbaut, beschrieb seinen Traumjob so: „Ich mache mich selber überflüssig – und bekomme Geld dafür.“ Denn im Zentrum dieser Arbeit steht eben nicht der Pfarrer/die Pfarrerin, sondern jeder, der bereit ist, neue Wege in der Gemeinde- (die dann nicht mehr klassische Ortsgemeinde ist) – Arbeit zu gehen.
wpid-wp-1433575790819.jpegDieser Weg kann auch ein Weg sein, der eine Reaktion auf den kommenden Pfarrermangel darstellen kann: nicht Ausführender, sondern Möglichmacher, nicht mehr Leiter, sondern BegLeiter. Eigentlich ein zutiefst evangelischer Grundgedanke, der das Priestertum aller Gläubigen ernst nimmt.

Den Nachmittag verbrachte ich auf dem Markt der Möglichkeiten, von Zelthalle zu Zelthalle, von Schatten zu Schatten huschend. Kiloweise Infomaterial über verschiedenste Themen: Kindergottesdienst, Fortbildungen in Wittenberg und Israel, Kindermusicals und Zirkusprojekte, Eine-Welt-Arbeit und soziale Gerechtigkeit, Flüchtlinge und Ausgegrenzte in Deutschland und in der ganzen Welt.

Den Abend verbrachte ich bei einem Feierabendmahl, einem Gottesdienst, der – meist in besonderer Form – die Gemeinde am Tisch des Herrn versammelt. Durch Zufall kam ich in einen Gottesdienst, der von der UCC, der us-amerikanischen Partnerkirche der EKD und der EKiR, und ihren Gastgebern und Partnern in Deutschland verantwortet wurde (wer mal zu meiner roten Stola nachgefragt hat, weiß schon ein wenig mehr). Aus diesem wunderbaren Gottesdienst habe ich vor allem ein Gebet mitgenommen, das ich unbedingt in aller Ruhe ins Deutsche übersetzen will. Hier eine rohe Arbeitsfassung: Gott, nimm das m im ‚mir‘ und drehe es, auf dass es zum w in ‚wir‘ wird. Ein wunderbarer Buchstabe, der die Hände im Lobpreis hebt, der die Arme zum Nachbarn streckt.

Ausgeklungen ist der Abend im Biergarten, denn auch das ist Kirchentag: Ohne Verabredung habe ich an diesem Tag getroffen: ein Kommilitonin; zwei Jugend-Mitarbeiter aus meiner Jugendpastoren-Zeit; den, der in meiner Zeit dort Vikar war; zwei Kollegen aus dem Kirchenkreis Gladbach-Neuss und ganz viele Menschen aus dem aktuellen Predigerseminarkurs in Wuppertal, die ich bisher (fast) nur virtuell/digital kannte, nun aber auch mit einer echten Begegnung in der kohlenstofflichen Welt.

Tag 1, Der erste Programmtag

Heute zogen wir getrennt los. Deswegen jetzt erstmal nur über einen Teil der Eindrücke einen kurzen Bericht:
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Das muss am Alter liegen. Erstmals ist es mir gelungen, früh genug zu einer Bibelarbeit aufzustehen. Eine Film-Andacht in einem Kino. Gezeigt wurden Ausschnitte aus „Trafic“, mit denen das Gleichnis aus Lukas 16 gedeutet wurde: ‚Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.‘ Hier: der Verwalter, der sich die Unterstützung seiner Klienten sichert. Dort: der mexikanische Polizist, der im Dickicht von Drogen und Korruption dafür sorgt, dass mit Drogengeld ein Baseballplatz für die Kinder gebaut wird – um sie von der Straße und aus dem Kreislauf von Straße – Drogen – Gewalt herauszuhalten.

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Nach dem Kinobesuch war dann ein Wechsel in einen Tempel der Hochkultur angesagt. Im Opernhaus ging es um die Zukunft des jüdisch-christlichen Dialogs mit dem Bischof der Hannoverschen Landeskirche Ralf Meister und dem Frankfurter Rabbiner Julian Soussan.
Deutlich wurde – gerade in dieser Zeit der unseligen Debatte um die Bedeutung des Alten Testaments für das Christentum – das wir unseren Glauben eben nicht ohne das Judentum verstehen und leben können. Die Frage, wie dies auch im Gemeindealltag erlebbar wird, bleibt auch in Zukunft eine Aufgabe.

Weiter ging es mit einer Podiumsdiskussion: „Gut predigen – aber wie?“ Doch leider ist das auch Kirchentag: Eine Geladene auf dem Podium war eine württembergische Prädikantin, die – im Gegensatz zu den PrädikantInnen der rheinischen Landeskirche eben nicht eigenständig predigen, sondern nur zwischen zwei Predigtvorschlägen auswählen dürfen. Als ein innovativer Vorschlag zur Predigtvorbereitung dann die Empfehlung war, den Predigttext in einer Tabelle auszudrucken, bin ich gegangen…

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich dann in den Messezelten, auf dem Markt der Möglichkeiten. Schwer beladen mit Büchern und Info-Materialien (vom nächsten Poetry-Preacher-Slam-Seminar halten mich leider Verpflichtungen in der Gemeinde ab) habe ich mich dann auf den Weg zum Sarah Kaiser-Konzert gemacht. image

Vom Wise Guys-Konzert, bei dem – gefühlt – 98,43% aller Kirchentagsbesucher auf den Cannstatter Wasen in der Hitze schmoren, können bestimmt die anderen Gemeindemitfahrerinnen berichten.

Tag 0, Abend der Begegnung

Es war eine Punktlandung: Um 18:00 Uhr trafen wir in Stuttgart ein, um 18:15 Uhr begannen die Eröffnungsgottesdienste. Und gleich lernten wir einen wichtigen Moment des Kirchentags kennen: „Schlossplatz überfüllt“ – Kein Wunder, bei angekündigten 300.000 Besuchern an diesem ersten Abend.
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So hörten wir den Eröffnungsgottesdienst in der Nähe der Veranstaltung. Da er mit Sprachcollagen gestaltet war, verstärkte sich deren Wirkung dadurch nur noch einmal.
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Am Abend selbst präsentierten sich die Regionen der Badischen und Württembergischen Landeskirche – zum Großteil präsentierten sie ihre lokale Küche, doch die Menschen waren hungrig, so war jeder Stand gut „beschlangt“ und irgendwann auch ausverkauft.
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Der Abend schloss mit einem Lichtermeer und dem Abendsegen. Dieses Mal auch für uns auf dem Schlossplatz. „Es war nicht kalt – aber ich hatte Gänsehaut.“

Tag -½, Mittwoch morgen

Die Koffer sind gepackt und das Programm ist ein erstes Mal durchgeforstet. Mal wieder alle spannenden Themen zur gleichen Zeit: Theologie, Musik, neue Gemeindeformen, Kinder- und Jugendgottesdienste. Die Entscheidung, welche Veranstaltungen besucht werden, will wohl mal wieder spontan getroffen werden – same procedure as every year!

Eines kann man jetzt schon sagen: Das Wetter wird echtes Kirchentagswetter. Vom letzten Kirchentag in Stuttgart habe ich noch in Erinnerung, wie die Innenstadt einfach aufblühte: kleine Gruppen hier und da, die einfach zusammenkamen und sangen, mit Gitarre und ohne. Menschen, die entspannt auf den Wiesen lagen und die Programmhefte durchblätterten. Gute Gespräche mit völlig unbekannten, aber freundlichen Menschen.

Heute abend beginnt der Kirchentag mit dem Abend der Begegnung!